Die schreckliche Normalität

von: Red-Burned-Boulet –

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Es ist das Dogma der Stunde, das „Zurück in die Normalität“. Wem soll Mensch verübeln, dass dieser die pandemischen Zustände mit den daraus hervorgehenden Verhältnissen so schnell wie möglich hinter sich lassen möchte und das „Zurück“ mit der Begrifflichkeit der „Normalität“ postuliert. Diese postulierte „Normalität“ wird immer wieder von erschütternden Ereignissen begleitet, ob Krise oder Krieg. Doch liegt die Schrecklichkeit der „Normalität“ nicht nur darin, dass sie von regelmäßigen Extremen begleitet wird, nein, die Schrecklichkeit der „Normalität“ liegt eben auch in dieser selbst. Eine kapitalistische Gesellschaft ohne Krise bleibt die Krise selbst. Die Extreme, die diese Gesellschaft begleiten, sind die brutalen Konsequenzen der „Normalität“.

Stellen wir uns eine „Normalität“ vor, in welcher Arbeitslosigkeit ein Fremdwort aus vergangenen Zeiten ist. Ein Zurück in die „Wirtschaftswunderzeiten[1]“, in eine total „funktionierende Normalität“. Eine ganz und gar schreckliche Vorstellung.

Ohne das Wissen auszublenden, dass ohne Lohnarbeit eine gesellschaftliche Teilhabe gegen null tendiert und ohne das Wissen auszublenden, das ohne Lohnarbeit Armut garantierte Realität ist, ohne die schreckliche „Normalität“ auszublenden, soll eben diese schreckliche „Normalität“ in ihrer vermeintlichen Schönheit unter Postulaten wie „Vollbeschäftigung“ kritisiert werden.

Die Schönheit darin zu erkennen, sich ganz auf die akkumulative Tätigkeit der Lohnarbeit fokussieren zu können, zeigt die totale Verdinglichung[2], die totale Entfremdung[3] und die absolute Unterwerfung eines vermeintlich freien Individuums unter die Autorität des Kapitals. Denjenigen, die hierauf eine negierende Antwort finden, da ihre Lohnarbeit einen vermeintlichen oder tatsächlichen sinnvollen Charakter in sich trägt, sei gesagt, dass sie erstens privilegiert sind und zweitens sollten sie sich die Frage stellen, würden sie diese Tätigkeit in der jetzigen Form auch ohne Lohn fortführen oder entsteht das berechtigte Gefühl der erlogenen „Berufung“? Die Lohnarbeit stellt eine Notwendigkeit dar, da jede Pore des Bestehenden diese Notwendigkeit materialisiert. Doch bestätigt diese Notwendigkeit nur die Unterwerfung unter eben jene.

Diese Unterwerfung unter die Normalität in ihrer fordistischen[4] Eintönigkeit, die das Gros der weltweiten Lohnarbeit bestimmt, ist die maschinelle Zurichtung des Menschen. Hierzu positive Begrifflichkeit zu finden bedarf bürgerlicher, staatskommunistischer oder calvinistischer[5] Ideologie. Ein Blick in den Spiegel an einem Montagmorgen oder in die Gesichter der lohnabhängigen Menschen in den öffentlichen Verkehrsmitteln genügt, um aufzuzeigen, dass es trotz der genannten Ideologien, die diesen routinierten, den Tag bestimmenden Akt in einen positiven verwandeln sollen, dass Mensch trotzdem von einem möglicherweise nicht zuordenbarem, aber doch starkem Gefühl der Sinnlosigkeit und „Wut“ bestimmt ist. Die Erniedrigung des Menschen durch die ihn zum „Humankapital“ degradierende Realität findet hier ihren Ausdruck.

Diesen Zustand in einen Zustand des Verstehens des sich Bewusstseins zu überführen sollte Ziel jeglicher emanzipatorischen Organisation sein.

Der Ausgleich der bestehenden Verhältnisse zu eben jenem Zustand der Verdinglichung und der Entfremdung ist die Zerstreuung, eben jene Zerstreuung, die im Zuge der „Pandemie-Politik“ zum Erliegen kam. Die konsumistische Zerstreuung von der Kneipe über das Shopping und Urlaub bis hin zum Theater, diese Zerstreuung, die einerseits das immer wiederkehrende der Lohnarbeit erträglich machen soll und anderer Seitz das belohnende Moment für die „getane Arbeit“ beinhaltet. Wer hier allerdings in falsche „Konsumkritik“ verfällt, hat weder ihr Wesen noch die ihr immanenten zerstörerischen Elemente der Verdinglichung und Entfremdung, eben jener Lohnarbeit, eben jener „reibungslos funktionierenden Normalität“ begriffen. Nicht der Versuch, sich das Bestehende erträglich zu machen, dient der Anklage, nein, es ist und bleib das Bestehende selbst!

Hier sei ein kurzer Exkurs des Klassenhasses gestattet. Wer sich heute in Berlin bewegt und einen hier nicht weiter erwähnten „Biomarkt“ passiert, wird hierbei zu Folgendem ermuntert: „Sei Teil einer besseren Welt“ und weiter „Egal, was Sie bei uns kaufen – Sie helfen dabei, zu schützen, was überlebenswichtig ist: Klima, Umwelt, Mitgeschöpfe, Ressourcen und Vielfalt.“ Dieser vor Klassismus strotzende Werbeslogan spuckt eben jenen, die nicht in der Lage sind, ihre Arbeitskraft möglichst hochpreisig zu verkaufen, unverhohlen mit dem Vorwurf der Verantwortung für die Klimakatastrophe und soziale Zerwürfnisse ins Gesicht.

Eben auch jenes falsche Bewusstsein des vermeintlichen, die weltrettenden Konsums muss zugunsten einer klassenbewussten Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse überwunden werden.

Es sei allen Lesenden hierzu die Organisierung und die Möglichkeit des damit einhergehenden miteinander Lernens ans Herz gelegt. Denn nur im gemeinsamen Handeln kann „das Recht auf Faulheit[6]“ und damit einhergehende Zeit erstritten werden – denn wie Marx zurecht sagte: „Wahrer Reichtum ist Zeit“.

Schluss mit der schrecklichen Normalität, für ein Leben das keiner Zerstreuung bedarf, sondern Genuss beinhaltet.

Her mit dem schönen Leben für alle!


[1] „Wirtschaftswunder ist ein Schlagwort zur Beschreibung des unerwartet schnellen und nachhaltigen Wirtschaftswachstums in der Bundesrepublik Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Wirtschaftswunder

[2] „die Verkehrung des Verhältnisses von arbeitsteilig füreinander produzierenden Menschen in ein versachlichtes (verdinglichtes) Verhältnis von Waren zueinander.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Verdinglichung

[3] „Entfremdung bezeichnet einen individuellen oder gesellschaftlichen Zustand, in dem eine ursprünglich natürliche Beziehung des Menschen aufgehoben, verkehrt, gestört oder zerstört wird.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Entfremdung

[4] „Der Fordismus basiert auf stark standardisierter Massenproduktion“

https://de.wikipedia.org/wiki/Fordismus

[5] „Fleiß und Arbeitseifer, wobei wirtschaftlicher Wohlstand in der protestantischen Ethik mitunter als Zeichen der Erwählung interpretiert wird“

https://de.wikipedia.org/wiki/Calvinismus

[6] „Widerlegung des »Rechts auf Arbeit« von 1848“

http://www.wildcat-www.de/material/m003lafa.htm

2 Gedanken zu “Die schreckliche Normalität

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