„das muss man denen um die Ohren hauen!“

Ein Text zur Pandemie von Red-Burned-Boulet

english version you will find below

Begonnen wird damit, was dieser Text nicht ist. Darauf folgt, was er sein soll, eine radikale Anklage, welche nach einem kurzen Blick in gewerkschaftliche Abgründe weiterführende Kritik formuliert und darauf aufbauend den Versuch unternimmt, Perspektiven jenseits der kapitalistischen Realität in den Blick zu nehmen.

Dies ist also kein Text, welcher zum Schwerpunkt die sogenannten „Querdenker“, diese konformistischen Rebellen [1] oder andere Rechtslibertäre hat. Welche niemals Kritik formulierten, die den Titel der Kritik verdienten. Nie wurde herrschende Politik hier analytisch kritisiert, es wurde schlicht in postfaktischem Wahn eine verschwörungsideologische Egomanie von enttäuschten Untertanen des Staates in die Öffentlichkeit getragen, die nicht mehr als diese Worte verdient haben.

Dieser Text soll radikale Anklage sein, die unterstreicht, dass die „regierende“ politische Klasse egal welcher Colour im real existierenden Kapitalismus das unternimmt, wozu ihre Institution der Staat in Hauptfunktion als ideeller Gesamtkapitalist [2] fungiert, in der absoluten Priorisierung der Konkurrenzfähigkeit seiner nationalen Kapitale. Die Gesundheit von Menschen kann hierbei nur eine untergeordnete, wenn überhaupt, Rolle spielen. Eine Vielzahl von Kranken und Toten in der Coronapandemie wurde in Kauf genommen und durch aktives Handeln mit ermöglicht.

Und um auch dies wie angekündigt zu betonen, die im Deutschen Gewerkschaftsbund organisierten Gewerkschaften, welche im Sinne der standortbewussten Sozialpartnerschaft, ihren Beitrag dazu leisteten, dass Menschen erkrankten, lange an Folgen der Erkrankung litten und leiden werden, sowie im schlimmsten Falle sogar den Tod erlitten und erleiden werden. Ihr „Handeln“ bezweckte schlicht den möglichst reibungslosen Weiterbetrieb möglichst jeglichem akkumulativen Handels. Sie sind absolut gefangen in der Logik des nationalen Standorts und haben dem folgend jegliche klassenbewusste Parteiergreifung im Sinne der Gesundheit, ergo des Arbeitsschutzes, der von dem Verkauf ihrer Arbeitskraft Abhängigen vermissen lassen.

Zurück zum Staat, zurück zum ideellen Gesamtkapitalisten. Dieser Staat sorgte dafür, mit der beschriebenen Zustimmung der Gewerkschaften, dass die von Lohn abhängige Klasse, sofern das Privileg des Homeoffice nicht gegeben war, einem permanenten Infektionsrisiko auf dem Weg und bei der Arbeit selbst ausgesetzt war und ist. Hauptsächlich die Schließung der „Zerstreuung“ [3] im sogenannten „Lockdown“ folgte dem Gebot der pandemiebedingten Kontaktbeschränkung. Dieser betraf lediglich ca. 13 % [4] der deutschen Kapitale. Die genannte Priorisierung der Konkurrenzfähigkeit nationaler Kapitale findet in dieser und den anderen Maßnahmen ihren Ausdruck.

Weiterführend, um des Willens der Offenlegung der Wurzeln der pandemischen Lage, muss auch weiteres vorsätzliches Handeln eben jenes beschriebenen Staates benannt werden:
„Diese Regierung ist verantwortlich für über 90000 Coronatote und 350000 bis 500000 Leute die schwer krank sind. Und zwar deswegen, weil es seit Jahrzehnten die Warnung von Wissenschaftlern gibt das die ökologische Zerstörung genau zu solchen Pandemien führen wird. Und diese Regierung 2012 sogar noch von einem Expertenrat sich ein Szenario vorlegen lässt wo genau das beschrieben ist und trotzdem es ignoriert, dann nochmal 3 Monate ignoriert … das muss man denen um die Ohren hauen!„ [5/6/7]

Neben dem katastrophalen und geschäftsmäßigen Ignorieren wissenschaftlicher Expertise beschreibt Peter Bierl hier die wahrscheinlichsten Ursachen für Zoonosen. [8] Dies ist die ökologische Zerstörung zum Beispiel von Regenwäldern [9] und/oder der Handel mit Wildtieren [10]. Diese Zoonosen wiederum sind die Ursache für die heutige und für zukünftige Pandemien, wie auch Rob Wallace ergänzt: „… Antreiber und Ursachen für die viralen Epidemien … [sind] u.a. die Zerstörung von Regenwäldern und Feuchtgebieten …, außerdem die industrielle Land- und Viehwirtschaft.“ [11]

Es handelt sich schlicht um ein zerstörerisches Zusammenspiel im Sinne des Sachzwangs der Profitmaximierung von Staat und Kapital.

Doch was folgt als anarchistische Perspektive, was ist die Alternative zum Widerspruch zwischen Kapital und Gesundheit? Eine kontroverse Debatte, ein emanzipatorischer Streit darf nicht verklärend auf einen Staat starren, wie das Kaninchen auf die Schlange, an welchen es Ansprüche stellt, die dieser nie erfüllen kann, geschweige denn will und/oder wird. Der Grund liegt in seiner beschriebenen Funktion.

Die zu führende Debatte ist also eine antistaatliche, eine antinationale und eine antikapitalistische.

Imaginieren wir hieraus die Utopie, mit Produktionsmitteln zur allgemeinen Verfügung, einer daraus möglichen Produktion nach den Bedürfnissen des Menschen und dessen äußerer Natur. Gesellschaft oder Gesellschaften in basisdemokratischer Selbstverwaltung, mit weder Staat noch Nation als herrschende Elemente. Ein föderales System der imperativen Mandate. Ein freies Individuum in kollektiver Realität.

Bleiben uns die „Querdenker“ in der materialisierten Utopie erspart? Ich weiß es nicht.

Klar ist aber, dass nur eine nicht-kapitalistische Produktionsweise, die nicht Wachstum, sondern Bedürfnisbefriedigung verpflichtet ist, die Zerstörung der Lebensgrundlagen von Menschen und Tieren ein Ende setzen kann und muss. Hierdurch kann ganz real den Zoonosen entgegengewirkt werden. Diese Produktion kann und muss ebenfalls mit einer massiven Arbeitszeitverkürzung einhergehen, da nicht mehr, um bildlich zu sprechen, für die Mülltonne, sondern für den Magen produziert wird.

Hieraus folgt ebenfalls, dass Menschen einem geringeren des heutigen, das Leben bestimmenden Arbeitsvolumen ausgesetzt sein werden und somit die notwendigen Kontaktbeschränkungen in einer Pandemie, ohne dass auch nur ein Magen weltweit knurrt, möglich sein könnten.

Denken wir hier im nächsten Schritt an die vulnerablen Gruppen in den unterschiedlichen Wohnheimen, in welchen sie meist in Zwangskollektiven leben, welche es schon heute gilt aufzubrechen. Durch den realen Zugewinn von arbeitszeitlichem Volumen besteht die zu nutzende Möglichkeit der Verteilung von Care-Arbeit auf viele Schultern. Dies darf nicht zu einer Entprofessionalisierung führen, sondern zu einer postindustriellen Care-Arbeit.

Am Ende der Kette stehen die lohnabhängigen Menschen in den Krankenhäusern, die dort unter den falschen profitorientierten Bedingungen um jedes Leben kämpfen. [12] Auch in ihrem Namen muss, neben dem Genannten bezüglich Care-Arbeit, den Zoonosen entgegengewirkt werden.

Lasst uns also Staat, Kapital und ihrer Klassen sagen: Die Leidenden und Toten in der Coronapandemie litten, leiden, starben, sterben nicht an Schicksal, sondern auf der Grundlage politischen und wirtschaftlichen Handelns. Lasst uns deutlich sagen, dass das fantasierte „Ende der Geschichte“ [13] eine zerstörende und tödliche Lüge ist, die in der Coronapandemie ein weiteres Mal hier hässliches Gesicht zeigt. Diese Lüge darf nicht stillschweigend hingenommen werden, sondern überall dort wo möglich Widerspruch erfahren.

Staat, Nation, Kapital, Pandemie – Scheiße!


[1] “Konformistische Rebellen”
www.rosalux.de/mediathek/media/element/…
[2] „Der moderne Staat, was auch seine Form, ist eine wesentlich kapitalistische Maschine, Staat der Kapitalisten, der ideelle Gesamtkapitalist.“ Friedrich Engels
[3] “Die schreckliche Normalität”
berlin.dieplattform.org/2021/05/27/die-…
[4] „Die sechs durch Schließungen beeinträchtigten Wirtschaftsbereiche haben zusammen einen Anteil von 12,8 Prozent an der gesamten Bruttowertschöpfung Deutschlands (bezogen auf das Jahr 2018).“
de.statista.com/infografik/24068/anteil…
[5] “Postwachstum – Hippietum oder Weg aus dem Kapitalismus?” – Minute 35
www.youtube.com/watch?v=X13Qdngu-t4
[6] Aktuelle Zahlen zu Corona:
www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartige…
www.corona-in-zahlen.de/weltweit/deutsc…
[7] „2012 haben Behörden das Szenario einer Viruspandemie durchgespielt.“
taz.de/Plaene-aus-2012-gegen-Pandemie/!…
[8] „Zoonosen“ „…sind von Tier zu Mensch und von Mensch zu Tier übertragbare Infektionskrankheiten…“ de.wikipedia.org/wiki/Zoonose
[9] „Für EU-Importe wurden laut dem WWF-Report zuletzt pro Jahr durchschnittlich Tropenwälder von der vierfachen Größe des Bodensees gerodet. Innerhalb der EU steht Deutschland ganz oben auf der Liste.“
www.dw.com/de/wwf-eu-ist-einer-der-gr%C…
[10] „Wildtiermärkte – ein Gesundheitsrisiko für die ganze Welt“
www.wwf.ch/de/stories/wildtiermaerkte-e…
[11] “Rob Wallace – Was COVID-19 mit der ökologischen Krise, dem Raubbau an der Natur und dem Agrobusiness zu tun hat”
www.swr.de/swr2/literatur/rob-wallace-w…
[12] „Arbeitskämpfe – Labor struggles in Berlin“
berlin.dieplattform.org/2021/10/07/arbe…
[13] „Ende der Geschichte“
de.wikipedia.org/wiki/Ende_der_Geschichte

English

„you’ve got to beat them over the head with it!“
A text on the pandemic by Red-Burned-Boulet

So this is not a text which has as its focus the so-called „Querdenker“, these conformist rebels or other right-wing libertarians. They never formulated criticism which would deserve the title of criticism. The politics of today were never criticized  analytically, it was rather in post-factual delusion that disappointed subjects of the state would carry a conspiracy ideological egomania in public, these groups do not deserve more than what I have called them here.

This text is meant to be a radical indictment, underlining that the „ruling“ political class in todays capitalism is doing what the state is meant to do, namely to work as the ideal ultimate capitalist capitalist. Its function lies in the absolute prioritisation of the competitiveness of its national capital. The health of human beings can play only a subordinate, if any, role in this. A large number of sick and dead people in the pandemic were due the actions of the state or at the very least it was willingly accepted that these people would die or fall ill.

And to emphasize this, too, as announced, the trade unions organized in the German Trade Union Confederation, which, in the sense of location-conscious social partnership, made their contribution to the fact that people fell ill, suffered and will suffer for a long time from the consequences of the illness, and in the worst case even suffered and will suffer death. Their „actions“ were simply aimed at the smoothest possible continuation of any aaccumulatio  of capital. They are absolutely trapped in the logic of the national market and have consequently lacked any class-consciousness in favour of the workers, ergo the occupational health and safety.

Back to the state, back to the ideal ultimate capitalist. This state ensured, with the approval of the unions, that the wage-dependent class was and is exposed to a permanent risk of infection on the way to and at work itself, unless the privilege of working from home was granted. Mainly the end of „Zerstreuung“ [1] in the so-called „lockdown“ followed the imperative of pandemic contact restriction. This affected only about 13% of  German capital. The aforementioned prioritization of the competitiveness of national capital finds expression in this and the other measures.

For the sake of revealing the roots of the pandemic situation, further deliberate measures of the aforementioned state must also be named:
„This government is responsible for over 9,000 corona related deaths and between 3,500,000 and 5,500,000 people who are seriously ill And that is because for decades there have been warnings from scientists that the ecological destruction will lead exactly to such pandemics. And this government in 2012 even let an expert council present a scenario where exactly that is described and still ignored it, then ignored it again for 3 months … you have to slap them around the ears! “

In addition to the disastrous and business-like ignoring of scientific expertise, Peter Bierl describes here the most likely causes of zoonotic diseases. This is the ecological destruction of, for example, rainforests and/or the wildlife trade. These zoonotic diseases, in turn, are the cause of today’s and future pandemics, as Rob Wallace also adds, „… drivers and causes of viral epidemics … include the destruction of rainforests and wetlands … as well as industrial agriculture and livestock farming.“

It is simply a destructive interplay between the profit maximization of the state and capital.

But what follows as an anarchist perspective, what is the alternative to the contradiction between capital and health? A controversial debate, an emancipatory dispute must not stare in a glorifying manner at a state, like the rabbit at the snake, at which it makes demands that it can never fulfil, let alone that it wants to fulfil. The reason lies in its history and its prescribed function.

The debate to be conducted is therefore one against the state, an anti-national one and an anti-capitalist one.

Let us imagine from this a futuere where the means of production are at general disposal to the people.If we organise society like this it becomes possible that we produce according to the needs of man and his external nature. A society that is organised along the lines of consensus and grassroots democracy i.e. without the state. A federal system of imperative mandates. A free individual embedded in a free collective.

Will we be spared „Querdenker“ in materialized utopia? I don’t know.

It is clear, however, that only a non-capitalist mode of production, which is not committed to growth but to the satisfaction of needs, can and must put an end to the destruction of the basis of human and animal life. In this way, zoonotic diseases can be counteracted in a very real way. Production can and must go hand in hand with a massive reduction in working hours, since production is no longer, to use a metaphor, for the dustbin, but for the stomach.

It also follows that people will be exposed to a lower volume of work than today and thus the necessary contact restrictions could become a reality in a pandemic without even a stomach growling worldwide.

In the next step, let us think of the vulnerable groups in the various residential homes, in which they mostly live in forced collectives, which must already be broken up today. Through the real gain in working time volume, there is the possibility of distributing care work over many shoulders. This must not lead to a deprofessionalisation, but to a post-industrial care work.

At the end of the chain are the wage-dependent people in the hospitals, who fight for every life there under the wrong profit-oriented conditions. In their name, too, in addition to what has been mentioned concerning care work, the zoonotic diseases must be counteracted.

So let us say to the state, to capital and to their classes: the sufferers and the dead in the Corona pandemic suffered, suffer, died and die not because of fate but on the basis of political and economic action. Let us say clearly that the fantasized „end of history“ is a destructive and deadly lie that shows its ugly face here once again in the Corona pandemic. This lie must not be accepted in silence, but contradicted wherever possible.

State, nation, capital, pandemic – shit!


[1] „ The terrible normality “
m.nz/?p=10613

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